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Das Estadio Mineirao in Belo Horizonte nach dem Abpfiff. Deutschland sieben, Brasilien eins…ein Spiel wie ein Fiebertraum…Sonntag der Titel?

Dabeigewesen und dennoch irgendwie auch nicht – so unglaublich war dieses Spiel Deutschland gegen Brasilien. Versuch einer Aufarbeitung.

 

8.Juli 2014, 17:00 Uhr, Tor C, Level 3, Block 320, Reihe B, Platz 17 – dieser Tag hat die Zahlen auf meiner Eintrittskarte in meine Hirnhaut eintätowiert, unauslöschlich, unvergesslich, unfassbar. 7:1. Sieben zu Eins. Sieben! Zu! Eins! Noch lange nachdem dieses unglaublichste, fantastischste, absonderlichste Spiel aller Zeiten vorbei ist, singe ich mit den anderen Deutschen im Fanblock und komme mir dabei vor, als hätte ich gerade einen Fantasyfilm gesehen. „Wir-wolln-die-Mannschaft-sehen,wir wollen die Mannschaft sehen, wir wollen wir wollen, wir wollen die Mannschaft sehen!“ Tausende Kehlen sind hier immer noch durstig, noch eine Stunde nach dem Abpfiff, der Erlösung für Brasilien, der Apotheose des deutschen Teams. Kevin Großkreutz und Roman Weidenfeller werden bejubelt, als hätten sie selbst ein paar Tore eingeschenkt, Manuel Neuer holt sich seine verdienten Standing Ovations und minutenlangen Applaus, und für Miro Klose gibt es sowieso nur eine Bezeichnung, Fußballgott.

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Das Estadio Mineirao in Belo Horizonte kurz vor Anpfiff. Was hier in diesen geschichsträchtigen 90 Minuten passierte, ahnte da noch niemand

Wie im Wachkoma

Mehrmals lasse ich mich von Umstehenden schon während des Spiels kneifen, um überhaupt noch glauben zu können, was im Estadio Mineirao in diesen 90 Minuten vor sich geht. Glauben zu können, dass ich tatsächlich dabei bin, und dass das Ganze nicht nur eine Art außerkörperliches Erlebnis ist, eine Wachkomafantasie. Bereits der Weg ins Stadion eine Reise für die Ewigkeit, und als ich dann am Drehkreuz mit einem freundlichen Lächeln durchgewunken werde, das erste Mal einer der vielen Gänsehautmomente, von denen ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts weiß. Das Stadion sieht aus als wäre die Sonne geschmolzen, die Tribünen voll von gelben Tropfen, ein aufgewühltes Meer aus Optimismus und Anspannung. Mittendrin die Deutschen, jetzt schon in Feierlaune, „Rio, Rio de Janeiro“, das ist das erklärte Ziel der angereisten Glücksritter. Nachdem das Ticket für diese Traumreise bereits nach knapp 30 Minuten gelöst ist, kennt die Freude keine Grenzen mehr, „so ein Tag, so wunderschön wie heute“ – ja, so ein Tag, der sollte wirklich niemals vergehen. Thomas Müller ist Geburtshelfer für den ersten von vielen deutschen Jubelschreien, die an diesem Nachmittag in den Himmel von Belo Horizonte entsteigen, nach 11 Minuten bereits sorgt er für schwarz-rot-geile Verzückung auf den Rängen.

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Schwarz-rot-geil hoch sieben, alle liegen sich in den Armen und staunen. Der Maracanazo ist vergessen, ab jetzt heißt es für immer Mineirazo

Miro Klose Fußballgott

Dann kommt „King Knall“ Klose, wie die BILD ihn einmal genannt hat, und er kommt um Geschichte zu schreiben: Tor Nummer 16 bei einer WM, mehr als der bisherige Rekordhalter Ronaldo, mehr als jeder andere. Minute 23, absolute Extase auf den Rängen, man liegt sich mit Wildfremden in den Armen und klatscht ab, Gesichtszüge und Gefühle entgleisen endgültig ob dieses unfassbaren Erlebnisses. Und in diesem Moment stehen wir erst am Anfang, quasi, denn nur fünf Minuten später hat es zwei weitere Male geklingelt, und der Jubel wird langsam leiser und weicht fassungsloser, bewundernder, entrückter Stille. „Steht es eigentlich grade wirklich 5:0?“, frage ich, nur um im nächsten Moment aus vollem Hals mit tausenden anderen den nächsten Schlachtengesang anzustimmen, „Gegen Deutschland kann man mal verlieren“ oder ähnlich Geistreiches.

Dann Pause für Körper und Geist, verarbeiten, runterkommen, runterspülen, 15 Minuten Waffenruhe vor einer zweiten Halbzeit, die jetzt eigentlich keiner mehr braucht. Schon gar nicht die armen Spieler von Brasilien, die schon seit dem zweiten Gegentor in bester Van-der-Vaart-Gedächtnismanier übers Feld schleichen. Doch „die Mannschaft“ will mehr, die Machtdemonstration ist noch nicht zu Ende, Merte kommt für Mats und später Andre für Miro, und Andre darf dann auch noch zwei Buden machen, weil die Brasilianer ihn und seine Leute gewähren lassen, sich schon in das Unvermeidbare gefügt zu haben scheinen. Teilweise wird es jetzt ein wenig geschmack- und ideenlos, Songs wie „Ihr könnt nach Hause fahren“ oder „Ihr seid nur ein Karnevalsverein“ zeugen vom schieren Übermut und leider auch der Überheblichkeit im deutschen Block.

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Vollkommene Extase. „So ein Tag, so wunderschön wie heute…“

Das neue brasilianische Trauma

Dann ist es vorbei, die Brasilianer sind erlöst und lassen ihren Tränen freien Lauf, nachdem sich einige wenige von ihnen vorher den Frust auch schon von der Seele geprügelt haben – untereinander wohlgemerkt. Die Selecao verschwindet schnell in der Kabine, ebenso die Rapsfelder von Brasilianern, die vorher die Tribünen gefüllt haben. Manche sind aus Frust auch schon zur Halbzeit nach Hause gegangen. „Nur nach Hause gehen wir nicht“, singen dagegen die Deutschen als Abschieds-Song aus dem Estadio Mineirao, das dem brasilianischen Fußball ein neues Trauma geschenkt hat, das „Mineirazo“. Und Deutschland eine neue Legende, wie es eine größere wohl kaum jemals geben wird.

Zu Hause lade ich schnell die geschossenen Bilder hoch und schaue mir meine Eintrittskarte immer wieder ungläubig an wie eine Epiphanie. Vor dem Spiel war sie nur ein Stück Pappe – jetzt ist sie ein Stück Geschichte.

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